Viele Psychotherapeut:innen müssen sich gerade mit einer Frage beschäftigen, die sie sich eigentlich nie stellen wollten: Kann ich mir meine Arbeit mit Kassenpatient:innen noch leisten? Die gesundheitspolitischen Entwicklungen der letzten Monate, Honorarkürzungen, eine drohende Budgetierung und die wachsende Unsicherheit über die eigene Vergütung stellen Fragen, die tief in das gehen, was diesen Beruf ausmacht.
Die Honorarkürzungen, die seit April 2026 im Raum stehen und die ab 2027 geplante Budgetierung psychotherapeutischer Leistungen treffen einen Nerv, der tiefer sitzt als die reine Wirtschaftlichkeit. Sie berühren das, wofür viele Psychotherapeut:innen diesen Beruf gewählt haben: Menschen zu helfen, die Hilfe brauchen. Unabhängig davon, wie deren Krankenversicherungskarte aussieht.
Und genau da entsteht der Konflikt. Denn die Zahlen sprechen eine Sprache, die sich nicht ignorieren lässt. Konkrete Pläne sehen vor, die Anzahl vergüteter Sitzungen pro Woche deutlich zu begrenzen. Was darüber hinausgeht, würde nicht mehr erstattet. Für viele Praxen würde das bedeuten: weniger Einnahmen bei gleichbleibendem oder sogar steigendem Bedarf.
Mehr Privatpatient:innen annehmen? Schlechtes Gewissen gegenüber den Kassenpatient:innen auf der Warteliste. Alles beim Alten lassen? Die Sorge, den eigenen Praxisbetrieb finanziell nicht mehr tragen zu können.
Dieses Spannungsfeld kennen gerade viele, die in einer psychotherapeutischen Praxis arbeiten. Dieser Beitrag ordnet die aktuelle Lage ein und zeigt, wie Versorgung und Wirtschaftlichkeit zusammengedacht werden können.
Die Ausgangslage: Was Psychotherapeut:innen gerade bewegt
Um zu verstehen, warum dieses Dilemma gerade so viele beschäftigt, lohnt sich ein kurzer Blick auf die Entwicklungen der letzten Monate.
Im März 2026 hat der Erweiterte Bewertungsausschuss, das zuständige Gremium aus Kassenärztlicher Bundesvereinigung und GKV-Spitzenverband, eine Absenkung der Honorare für psychotherapeutische Leistungen um 4,5 Prozent beschlossen. Die Kürzung sollte ab dem 1. April 2026 gelten und betrifft alle approbierten Psychotherapeut:innen, die über die Kassenärztliche Vereinigung abrechnen. Im Juli 2026 hat das Landessozialgericht Berlin-Brandenburg die sofortige Vollziehung dieses Beschlusses vorläufig ausgesetzt. Das bedeutet: Die Kürzung ist aktuell nicht in Kraft, die Frage ist aber noch nicht endgültig entschieden.
Parallel dazu ist eine tiefergehende Veränderung in Vorbereitung. Das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz sieht ab 2027 eine Budgetierung psychotherapeutischer Leistungen vor. Konkret bedeutet das: Die Gesamtvergütung für ambulante Psychotherapie soll in einem festen Topf gedeckelt werden. Wie viele Sitzungen pro Woche am Ende noch vollständig vergütet werden, hängt von Beschlüssen ab, die erst 2027 konkretisiert werden. Diskutiert werden deutliche Einschränkungen, besonders für Praxen mit halbem Versorgungsauftrag.
Was bleibt, ist eine Unsicherheit, die sich schwer planen lässt. Viele Praxen wissen heute nicht, womit sie 2027 rechnen können. Und genau diese Ungewissheit ist es, die viele dazu bringt, ihre Patientenstruktur neu zu überdenken, und dabei in ein Dilemma zu geraten, das sich nicht einfach wegrechnen lässt.
Das Dilemma, das viele nicht laut aussprechen
Wer Psychotherapeut:in wird, tut das aus einem bestimmten Grund. Die Ausbildung ist lang, anspruchsvoll und in weiten Teilen kaum vergütet. Der Weg in diesen Beruf führt selten über das Gehalt, sondern über etwas anderes: den Wunsch, Menschen in schwierigen Phasen ihres Lebens zu begleiten, Leid zu verringern und Veränderung zu ermöglichen.
Umso schwerer wiegt die Frage, die gerade viele still mit sich tragen: Soll ich künftig mehr Privatpatient:innen und Selbstzahler:innen annehmen, um meine Praxis wirtschaftlich zu stabilisieren?
Es ist eine Frage, die sich rational beantworten lässt. Emotional ist sie komplizierter. Denn wer sie stellt, denkt unweigerlich auch an die Menschen auf der Warteliste, die keinen der Vorteile haben, die ein privater Versicherungsstatus oftmals mit sich bringt. Dabei lohnt es sich, eines nicht aus dem Blick zu verlieren: Der Versicherungsstatus unterscheidet sich, der Leidensdruck dahinter häufig nicht.
Und doch bleibt die wirtschaftliche Realität. Finanzieller Druck auf eine Praxis bedeutet konkret: weniger Spielraum, mehr Stress, im schlimmsten Fall die Frage, ob der Betrieb langfristig tragbar bleibt. Auch das ist eine Form von Verantwortung, nämlich die gegenüber der eigenen Arbeitsfähigkeit und dem, was über Jahre aufgebaut wurde. Dieses Spannungsfeld hat keinen einfachen Ausweg. Und das Unbehagen, das viele dabei empfinden, ist verständlich. Es zeigt, dass die Frage nicht leichtfertig gestellt wird.
Was den meisten Praxen mehr Spielraum lässt als gedacht
Ein Teil des Unbehagens entsteht oft aus Unsicherheit darüber, was überhaupt erlaubt ist. Denn zwischen dem, was sich falsch anfühlt, und dem, was rechtlich tatsächlich gilt, liegt oft mehr Spielraum als gedacht.
Psychotherapeut:innen mit Kassensitz haben einen sogenannten Versorgungsauftrag. Das bedeutet: Sie sind verpflichtet, gesetzlich versicherte Patient:innen im Rahmen ihres Versorgungsauftrags zu behandeln. Dieser Auftrag definiert einen bestimmten Umfang, er schreibt aber nicht vor, wie der verbleibende Anteil der Praxiskapazität genutzt wird.
Oberhalb des Versorgungsauftrags besteht grundsätzlich Spielraum, Privatpatient:innen oder Selbstzahler:innen anzunehmen. Das ist kein Umgehen des Systems, sondern ein legitimer Teil der Praxisgestaltung, den viele Praxen bereits heute so handhaben**.**
Was das konkret für die eigene Praxis bedeutet, hängt von der individuellen Situation ab, vom Versorgungsauftrag, der Praxisform und den geltenden Regelungen der jeweiligen Kassenärztlichen Vereinigung.
Hinweis: Dieser Beitrag bietet Orientierung, ersetzt aber keine rechtliche oder vertragsärztliche Beratung. Wer konkrete Fragen hat, findet bei der zuständigen KV oder dem eigenen Berufsverband verlässliche Ansprechpartner.
Perspektiven: Wie Versorgung und Wirtschaftlichkeit zusammengehen können
Wirtschaftlich zu denken bedeutet nicht, den therapeutischen Anspruch aufzugeben. Im Gegenteil: Eine Praxis, die langfristig tragbar bleibt, kann besser versorgen als eine, die unter dauerhaftem Druck steht. Wirtschaftliche Stabilität ist keine Absage an den therapeutischen Anspruch, sie ist eine Voraussetzung dafür.
Ein erster Schritt ist oft, die eigene Situation nüchtern zu betrachten. Welche Kapazitäten bestehen oberhalb des Versorgungsauftrags? Wo gibt es Spielraum, ohne den bestehenden Patientenstamm zu belasten? Diese Fragen lassen sich nicht pauschal beantworten, aber sie lassen sich stellen.
Selbstzahler:innen und Privatpatient:innen können eine sinnvolle Ergänzung sein. Auch sie suchen Unterstützung, auch sie warten oft lange auf einen Therapieplatz. Sie anzunehmen ist kein Ersatz für die Versorgung gesetzlich Versicherter, sondern ein Weg, mehr Menschen zu helfen und die Praxis gleichzeitig breiter aufzustellen. Viele Praxen handhaben das bereits so, ohne dass es zu einem Widerspruch mit ihrem Versorgungsauftrag führt.
Gleichzeitig lohnt sich ein Blick auf die eigenen Abläufe. Denn wirtschaftliche Stabilität hängt nicht nur davon ab, wen man behandelt, sondern auch davon, wie viel Zeit und Energie neben den Sitzungen in organisatorische Aufgaben fließt. Anfragen, Wartelisten, Terminkoordination, all das kostet Zeit, die nicht vergütet wird. Wer hier Struktur schafft, gewinnt Spielraum, und zwar unabhängig davon, wie sich die Vergütungslage weiterentwickelt.
Auch die Kommunikation mit Hilfesuchenden spielt eine Rolle. Wer transparent macht, welche Kapazitäten bestehen und wie Anfragen bearbeitet werden, schafft Klarheit, für sich selbst und für die Menschen, die einen Therapieplatz suchen.
Ein Gedanke zum Schluss
Die Entwicklungen der letzten Monate stellen viele Psychotherapeut:innen vor Fragen, für die es keine einfachen Antworten gibt. Das Unbehagen, das dabei entsteht, ist nachvollziehbar. Und es ist kein Widerspruch, sowohl den Menschen helfen zu wollen, die Hilfe brauchen, als auch die eigene Praxis auf einem stabilen Fundament zu halten.
Beides gehört zusammen. Wer gut für seine Praxis sorgt, sorgt letztlich auch besser für seine Patient:innen. Die gesundheitspolitische Lage wird sich weiterentwickeln, vieles ist noch offen. Was Praxen jetzt tun können, ist die eigene Situation ehrlich einzuschätzen, Spielräume zu kennen und Strukturen zu schaffen, die auch in unsicheren Zeiten tragen.
Quellen:
- https://www.aerzteblatt.de/news/honorarkurzung-fur-psychotherapeuten-beschlossen-6abedcce-557a-4223-9b83-e1ca9b30786d
- https://www.gkv-spitzenverband.de/gkv_spitzenverband/presse/pressemitteilungen_und_statements/pressemitteilung_2222400.jsp
- https://www.dptv.de/im-fokus/honorarkuerzung-und-budgetierung/
- https://ecovis-kso.com/blog/kuerzungen-in-der-psychotherapie-ab-2027/
- https://www.dgvt-bv.de/aktuell/honorarkuerzung/







